Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Am Sonntag ist es wieder soweit. Die Uhren werden eine Stunde vorgestellt.

Och nö, nicht schon wieder ein Beitrag zum Thema Zeitumstellung, ich kann den Mist nicht mehr hören. Bestimmt von einem Öko-Sensibelchen oder einem Weib in den Wechseljahren, geh‘ doch einfach ’ne Stunde eher ins Bett, trink nicht so viel Rotwein und nerv‘ uns nicht mit dem Zeug. Und überhaupt, werden die Uhren morgen nicht zurückgestellt?

Doch. Dieser Beitrag muss sein. Jetzt.

Denn ich fühle mich in meinen Grundrechten verletzt.

Und zwar in verdammt vielen. Höchstpersönlich. In meinem Recht auf freie Entfaltung, Meinungsäußerung, Kunstfreiheit, Arbeit, Familie und körperliche Unversehrtheit. Und noch viel mehr. Ich erspare euch hier eine detaillierte juristische Abhandlung, unter uns, meine Staatsrechtsvorlesungen liegen schon ein paar Tage zu lang zurück, als dass ich damit auch nur in die Nähe eines Fensters gehen dürfte.

Falls ihr mich noch nicht kennt: Ich bin Autorin, Frauchen eines Autorenhundes, Ehefrau und Anwältin. Inhaberin eines Taxiunternehmens, eines Waschsalons, einer Bibliothek und einer Großküche. Aber vor allen Dingen bin ich Mutter dreier Kinder, Tick, Trick und Track. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, sind diese vielen Aufgaben nur mit Hilfe eines ausgeklügelten logistischen Systems zu bewältigen. Verändert sich eine Komponente oder fällt ein Faktor weg, droht das System zusammenzubrechen.

Normalerweise stehe ich um 5.00 Uhr auf, setze mich an meinen Schreibtisch und genieße die eiskalte bis lauwarme Morgenluft in der einzigen freien Stunde des Tages, in der ich meine Gedanken einfach fließen lassen kann. Gedanken wie diese. Und ich arbeite an einem Roman. Langsam, aber stetig, komme ich voran. Wort für Wort, Seite für Seite. Seit Oktober vergangenen Jahres habe ich knapp 100 Seiten gefüllt, einige Blogbeiträge verfasst und zwei Kurzgeschichten geschrieben, ob gut oder schlecht, das ist hier nicht das Thema. Und das meiste davon ist in der Zeit von fünf bis sechs Uhr morgens entstanden.

Während ich schreibe, geht der liebste Ehemann von allen und Vater von Tick, Trick und Track mit Karl Ove um den Block. Dann werfe ich die erste Waschmaschine des Tages an, wecke meine Kinder und setze mich mit ihnen an den bereits am Vorabend liebevoll gedeckten Frühstückstisch. Stellt euch das Ganze noch mit romantischer Klaviermusik vor, Weichzeichner in Zeitlupe. Schön, nicht wahr?

Doch ab morgen ist wieder Schluss damit.

Wochenlang werde ich ein gefühlloser Roboter sein, der nach einem Systemabsturz nur im abgesicherten Notfallmodus funktioniert.

Mein Romanprojekt wird wochenlang brachliegen, die Wäsche liegenbleiben, ich schaffe es nicht mehr, morgens zu duschen, die Stimmung sinkt, die Kinder werden vernachlässigt, Fristen erledige ich nur noch in allerletzter Minute, ich schaffe es nicht mehr zum Sport, falle abends erschöpft ins Bett, um mitten in der Nacht von einem unbarmherzigen Wecker aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden. Ein Horrorszenario? Leider nein.

Denn mein Körper und mein Geist treten gemeinschaftlich in sommerzeitbedingten Generalstreik, wenn sie schon um vier Uhr aufstehen müssen. Und nicht nur meiner, sondern auch die Körper der anderen Mitbewohner im Haus weigern sich, ihr Bett von einem Tag auf den nächsten eine Stunde früher zu verlassen.

Ein kleiner Rückblick auf einen typischen Tag im April nach der letzten Zeitumstellung: Ich wecke die Kinder in weiser Voraussicht 10 Minuten eher, sie stehen 30 Minuten später mit blendend schlechter Laune auf. Selbst der Autorenhund schleicht langsamer um den Block. Dies führt zu einer Zeitverzögerung von weiteren sieben Minuten, was wiederum die sorgfältig ausgeklügelte Benutzungsregelung der Dusche durcheinander bringt mit der Folge, dass sich plötzlich 10 Minuten nach der sonst üblichen Abfahrtszeit zur Schule fünf missgelaunte Menschen im Badezimmerspiegel anstarren und zeitgleich die Zähne putzen wollen. Der daraufhin entbrennende Streit zwischen den Pubertieren kostet wieder 3 Extra-Minuten, hinzu kommen vergessene Geigen, Sportzeug und Trinkflaschen, da mein Sprachzentrum und Erinnerungssystem sommerzeitbedingt außer Kraft gesetzt ist. Wenige Minuten vor regulärem Schulbeginn finden wir uns in einem kilometerlangen Stau vor den Bahnschranken wieder.

Eine Mutter aus Bayern hat dies auf den Punkt gebracht. Auch hier treffen sich noch Wochen nach der Umstellung auf die Sommerzeit die Zombies am Frühstückstisch.

Die Folgen, die der morgendliche Stress und die Anspannung auf den restlichen Tag, den Umgang zwischen Lehrern und Schülern, den Umgang mit den Mitarbeitern und die Erledigung der Arbeit hat, will ich hier nicht ausmalen, die Spätfolgen für die Gesundheit auch nicht.

Es wird Monate dauern, bis Körper und Geist aller Familienmitglieder wieder synchronisiert sind. Man muss kein Experte für Chronobiologie sein, um sich vorzustellen, welche Auswirkungen die Zeitumstellung auf den Schlaf und somit für den kompletten Organismus hat. Und trotzdem hat der Bundestag am Donnerstag gegen einen Antrag der FDP-Fraktion auf Abschaffung der Zeitumstellung gestimmt.

Liebe Mitglieder des Bundestages, ich möchte nicht ausschließen, dass auch ihr noch lernfähig seid und ein Herz für Familien und Kinder habt, auch wenn es nicht immer den Anschein hat.

Ich lade euch daher ein, die Folgen der Zeitumstellung live mitzuerleben und uns am Montagmorgen zu einem frühen Frühstück zu besuchen. Punkt 6.15 Uhr. Der Schlüssel liegt unter der Fußmatte. Bringt doch bitte Brötchen mit und seid leise beim Reinkommen.

Denn ich schlafe dann noch ein Stündchen. Und danach begebe ich mich wie jedes Jahr auf die Suche. Die Suche nach der verlorenen Zeit.

Thalia

Heute Morgen hatte ich eine Verabredung mit Thalia.

Um 5.05 Uhr, falls ihr es genau wissen wollt. Wir haben uns auf eine große Tasse Kaffee getroffen, obwohl ich mir das Kaffeetrinken schon seit Wochen abgewöhnen will.
Morgenstunde in der Buchhandlung? Nein, Thalia ist eine gute Freundin, die ich schon seit Ewigkeiten kenne.

Manche sagen, sie sei total langweilig: Sie ist Frühaufsteherin, trinkt keinen Alkohol und verschwindet abends um acht mit einem Buch und einem Guten-Abend-Tee im Bett, während in Villarriba schon gefeiert und in Villabacho noch gespült wird.
Und doch ist Thalia der komischste Mensch, den ich kenne. Übermenschlich, könnte man fast meinen. Eine Unterhaltung mit ihr ist erfrischend wie ein Sprung ins Sauna-Tauchbecken, nachdem man soeben ein Loch ins Eis gehackt hat. Sie bringt mich auf unglaubliche Ideen. Klar, oft genug hat sie auch Stress, von dem sie mir dann erzählt. Ärger mit ihrem Vater, ihren Schwestern oder ihren acht Kolleginnen. Ein reiner Weiberhaufen, da könnte ich nicht arbeiten.

Vor über sieben Jahren hatten wir unsere letzte richtige Verabredung. Was habe ich nur gemacht in all den Jahren?
Pausenlos war ich unterwegs und beschäftigt. Mit dem Büro, den Kindern, mit Karl Ove und mir selbst. War infektiös, fröhlich, deprimiert, diszipliniert und faul. Habe gesungen, Beiträge von Fremden auf Facebook geliked, Klavier gespielt, Suppe gekocht und Wunden desinfiziert. Fotos von Brief-Freundinnen auf Insta kommentiert und Ubongo gespielt, Mützen gehäkelt und die Füße in den Sand gesteckt. Ich traf mich mit Mütter-Freundinnen, Walking-Freundinnen, Schulfreundinnen und sogar mit Yoga-Freundinnen, obwohl ich nur einmal in meinem Leben beim Yoga war. Nur die gute alte Thalia habe ich vollkommen aus den Augen verloren. Wie konnte das passieren?

Immer wieder habe ich ihre Rufe ignoriert, Briefe nicht beantwortet, Verabredungen verschlafen. Und nie Zeit gehabt, wenn sie spontan auftauchte. Unter uns, es wäre alles viel einfacher, wenn sie sich endlich dazu entschließen könnte, WhatsApp zu nutzen, doch sie hasst das Internet. Immer, wenn sie in den letzten Jahren unangemeldet  vorbeischaute und ich nur noch mal eben meine Nachrichten auf dem iPhone checken wollte, verschwand sie sofort ohne Abschiedsgruß, es war fast, als löse sie sich in Luft auf.

Doch heute Nacht platzte sie einfach mitten in einen wunderschönen Traum und schrie herum, dass sie keine Lust mehr auf mich hätte, wenn ich sie weiter so vernachlässigen würde. Zum Glück war es nur ein Traum. Aber danach konnte ich nicht wieder einschlafen. Also stand ich um fünf Uhr auf und habe erst einmal Kaffee gekocht. Gerade als ich mich mit meiner Tasse an den Küchentisch setzen wollte, stand sie plötzlich neben mir und hielt mir mit einem breiten Grinsen eine Schlumpftasse hin.

Und dann haben wir uns erst einmal ausgesprochen und über vergangene Zeiten, schräge Vögel und Begegnungen geplaudert. Zum Glück ist Thalia kein bisschen nachtragend. Es war ein schöner, erfrischender Morgen und wir gingen mit dem festen Versprechen auseinander, uns bald wiederzusehen.

Nein, abends kann ich nie! Ich habe morgen einen frühen Termin, sage ich jetzt meinen zweitbesten Freundinnen, Abendessen- , Schul- , Kultur-, und Bald-komme-ich-bestimmt-mal-mit-zum-Yoga-Freundinnen. Denn Thalia und ich wollen uns jetzt täglich treffen. Offline. Um 5.05 Uhr. Auf einen Kaffee. Und eine gute Unterhaltung.

Lieber unbenannter Autor…

Lieber bekannter, unbenannter Autor,

es fällt mir nicht leicht, dir dieses Geständnis zu machen, aber ich werde dein neues Buch nicht zu Ende lesen.

Na und, werden die meisten von euch sagen. Wen interessiert das schon? Weg damit!

Aber so einfach ist das nicht. Bücher darf man nicht wegwerfen! Auf keinen Fall!! Und ungelesene erst recht nicht!!! Wer weiß, was man da alles verpasst? Und mittendrin aufgeben, das geht gar nicht! Niemals in meinem bisherigen Leben habe ich ein Buch, welches den Erste-Drei-Seiten-Anlese-Test bestanden hat, nicht zu Ende gelesen. Ich kann bei jedem langweiligen Tatort nach fünf Minuten aufstehen, im Kino mitten in einer romantischen Liebeszene rausgehen und oft genug habe ich das Theater während der Pause verlassen. Das Leben ist einfach zu kurz. Warum also kann ich kein Buch aus der Hand legen, bevor ich es ausgelesen habe?

Schon als Kind liebte ich Bücher über alles. Ich hatte mehr als nur fünf Freunde: Pucki, Trotzkopf, Luise & Lotte, Professors Zwillinge, Hanni & Nanni, Tina & Tini und Trixi waren immer bei mir. Später traf ich mich spätabends mit Justus, Peter und Bob und träumte davon, Bibliothekarin zu werden. Akribisch hielt ich auf kleinen Karten fest, wem ich was wann ausgeliehen hatte.

Mithilfe einer langjährigen Therapie bei den Anonymen Bookoholikern habe ich in einem Zehn-Punkte- Programm gelernt, Bücher auch einmal ohne Vorlage eines gültigen Benutzerausweises herauszugeben. Gelesene Bücher. Und nur in gute, gewaschene Hände.

Mittlerweile hat sich mein Stapel ungelesener Bücher mit steigender Kinderzahl und diametral sinkender Lesezeit vervielfacht. In meinem Regal warten 125 Bücher sehnsüchtig darauf, gelesen zu werden – Sachbücher nicht eingerechnet. Wenn ich im Schnitt von 450 Seiten pro Buch und 300 Wörtern pro Seite ausgehe, beträgt die Zahl der zu lesenden Wörter 16.875.000.  Bei einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von 371 Wörtern pro Minute ergibt sich eine Lesezeit von rd. 45.485 Minuten, also etwa 758 Stunden oder rund 32 Tage. Hört sich nicht viel an, setzt aber voraus, dass ich nicht mehr aufs Klo gehe, nicht esse, trinke, arbeite und keine neuen Bücher mehr kaufe. Wenn ich allerdings meine derzeitige Lesezeit beibehalte, bin ich bei durchschnittlich einer Stunde pro Tag über zwei Jahre beschäftigt.

Lieber Autor, ich schweife ab. Ich weiß, wie viel Zeit und Herzblut du investiert haben musst, um diesen Roman fertigzustellen. Ich selbst werde es in diesem Leben vermutlich nie schaffen, einen Roman von mehr als 300 Seiten zu schreiben.

Aber dennoch trennen sich unsere Wege hier. Du musst das verstehen, ich bin schon nicht mehr jung, die ersten Freunde und Schulkollegen haben diese Welt schon verlassen, ich muss mir meine Zeit gut einteilen.

Also, sei nicht traurig, dass ich dein Buch auf Seite 256 verlasse. Aber keine Angst, ich werde dein Werk nicht achtlos wegwerfen, die restlichen 248 Seiten überlasse ich einem anderen geneigten Leser.

Lieber Autor, ich werde für dein Buch sorgen, ich verspreche es dir. Und wenn ich einen Platz für alternde Bücher in einem Heim im finstersten Peru für dein Buch suchen muss.

 

Das große Schneesturmdings

Vor einigen Wochen hat es geschneit.

Dicke Flocken.

Mitten im Ruhrgebiet.

Na und, werdet ihr euch fragen, ihr da draußen im Süden, in München oder im Waldviertel, wen interessiert`s? Bitte seid nachsichtig und lest trotzdem weiter. Denn, Schnee sieht man hier bei uns im Kohlenpott extrem selten. Noch seltener bleibt der Schnee liegen. Und noch viel seltener als selten bleibt so viel davon liegen, dass es sich lohnt, nicht nur die Poporutscher, sondern auch den Bob oder den alten Rosebud-Schlitten zu suchen, die in der hinterletzten Ecke des Kellers ein trauriges Dasein fristen.
Jedenfalls an diesem besonderen Tag, als die Flocken ganz und gar nicht leise rieselten, passierte etwas Seltsames:

Die Zeit stand still.

Einfach so.

Von einer Sekunde nicht zur anderen.

Und das alles, ohne dass ich stundenlang meditiert oder bewusstseinsverändernde Drogen genommen hätte. (Nur für`s Protokoll, das tue ich beides niemals, hört sich aber einfach besser an.)
Natürlich stand die Zeit nicht wirklich still, nur der Bahnverkehr. Die Uhren tickten weiter, Karl Ove, der Autorenhund, schnappte nach Schneeflocken und die ersten Schulkinder bekamen frei, um über die leeren Straßen zu schlittern.

Aber ich hatte Zeit. Vergessen das Mittagessen, das ich kochen, der Roman, den ich schreiben, die tausend anderen Dinge, die ich wollte, sollte oder musste. Auf einmal war da ein weißes Nichts aufgetaucht. Es gab nichts zu tun, nur zu sein. Der Schneeflocken-Modus beruhigte meinen Herzschlag. Meine Welt verlangsamte sich, obwohl die Flocken wild durcheinanderpurzelten.

Leider war es nach einem Tag schon aus und vorbei mit der weißen Pracht.
Die meisten haben den Schnee längst vergessen, schnupfen Allergiemedikamente gegen die ersten Pollen und buchen den nächsten Karibikurlaub für die sonnenhungrige Seele.
Nur ich laufe, obwohl ich lieber stapfen würde. Ich laufe bei Regen und Nebel durch Matsche und Mocke, gelegentlich sogar bei Sonnenschein und warte auf Schnee. Auf das große Schneesturmdings. Damit die Zeit einmal wieder für einen Moment still stehen möge.

Nur für mich.

 

Das Weihnachtsfest, an dem Mama die Geschenke aus dem Fenster warf

Das Weihnachtsfest, an dem Mama die Geschenke aus dem Fenster warf, ist schon fast das Ende der Geschichte, denn eigentlich fing alles viel früher an.

Schon am 1. Advent hätten wir die ersten Anzeichen bemerken müssen. Wir, das bin ich, mein großer Bruder Leon und unser kleiner Bruder Luca.  Ich heiße Maja und bin neun, Leon ist zwölfdreiviertel und Luca ist seit zweieinhalb Jahren auf dieser Welt.

Wir malten wie jedes Jahr unsere Wunschzettel für den Christkind-Briefkasten. Na ja, eigentlich war ich die einzige, die malte und schrieb. Luca kann nämlich nur krakeln und Zettel zerreißen. Leon weigerte sich, den bescheuerten Babykram mitzumachen und surfte stattdessen im Internet, um einen Online-Wunschzettel zu erstellen. „Ich will endlich eine Playsi. Sonst ziehe ich zu Lukas.“

„Vergiss es, so was kommt nicht ins Haus“, rief Mama aus der Küche zu ihm rüber und telefonierte dann weiter mit Oma. Diese wiederum telefonierte stundenlang mit Ulrike, Mamas Schwester, die dann ihre Schwägerin anrief, um dann wieder stundenlang mit Mama zu telefonieren. Und statt des Adventskaffees trank Mama einen doppelten Schnaps, obwohl sie sonst niemals Alkohol trinkt.

„Und?“ fragte Papi.

„Nichts und. Oma steht seit einer Woche in der Küche und backt. Und sie will eine Weihnachtsgans. Annalena ist jetzt Veganerin und bleibt zu Hause, wenn wir weiter Tiere morden. Und Luis hat eine Weizenallergie und deshalb will Ulrike, dass Oma für alle glutenfrei backt.  Aber eigentlich soll Luis überhaupt nichts Süßes essen und wir sollen alle aus Solidarität darauf verzichten. Omi Inge kommt nicht, wenn wir Tante Doris einladen. Die wiederum kommt nicht, wenn ihr Bruder Wolfgang kommt. Diese Familie macht mich krank.“

Am 2. Advent ging das Ganze von vorne los. Nix mit Advent oder Vorweihnachtsstimmung. Schon um sechs Uhr morgens klingelte das Telefon. Die erste war Omi Inge, dann Ulrike, Christine, Doris, der Reihe nach und dann wieder rückwärts. Mama borgte sich meine Playmobil-Püppchen aus, um die Sitzordnung neu zu planen. Den ganzen Tag putzte und wirbelte sie, als sei der Staub und Dreck an allem schuld. Am Abend lag Mami dann erschöpft auf dem Sofa, als schon wieder das Telefon klingelte. Es war mein Lehrer, dem Mami versprochen hatte, bei der Weihnachtsaufführung zu helfen. Als sie nach einer Dreiviertelstunde wieder auflegte, war sie kreidebleich.

„Wo soll ich denn bis Mittwoch 24 Elchkostüme, drei Weihnachtsbäume und  ein Paar Engelsflügel herbekommen? Und noch eine Live-Band, 50 Liter Punsch und blinkende Weihnachtsmannmützen für die erste bis dritte Klasse.“

„Eine haben wir noch im Keller“, meinte Papa.

„Mach dich bloß nicht über mich lustig. Dir ist das doch alles egal“, schimpfte Mama und goss sich schon wieder einen Schnaps ein.

Am 3. Advent eskalierte die Sache. „Ich streike!“ schrie Mama, als wir alle am Frühstückstisch saßen. „Kein Weihnachten bei uns. Nur wir.  Höchstens meine Mutter. Aber sonst niemand. Sollen sie doch alle bleiben, wo der Pfeffer wächst.“

„Und Inge?“ wagte Papa zu fragen.

„Deine Mutter ist doch an allem schuld. Wenn die sich nicht immer mit allen streiten würde…“ Mami und Papi stritten stundenlang, das hatten sie noch nie getan.

Über den 4. Advent mag ich gar nicht mehr reden.

„Keinen Bock auf Kirche“, stänkerte Leon. „Ich bleibe hier.“

„Dann gehen wir eben nicht“, erwiderte Mama teilnahmslos. Ich wäre eigentlich ganz gerne gegangen. Selbst Leon war überrascht, dass sie so früh nachgab, normalerweise ist sie in dieser Beziehung unerbittlich. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie die Schnapsflasche schon zum Frühstück rausgeholt hatte.

Und dann kam die Bescherung am Heiligen Abend. Eigentlich alles wie immer. Weihnachtsbaum, Kerzen, Glöckchen, nur dass wir diesmal sofort die Geschenke auspacken durften, ohne vorher singen zu müssen.

„Boah, wie schlecht. Ein Star Wars Nintendo. Ich wollte eine Playsi“, maulte Leon, obwohl ihm anzusehen war, dass er sich ziemlich freute. Pubertär eben. Jedenfalls hat seine Lehrerin so was gesagt.

Und dann flog das Nintendo aus dem 2. Stock auf die Straße. Ohne jede Vorwarnung. Natürlich nicht von allein, Mami war im Zeitlupentempo aufgestanden, hatte das Fenster geöffnet, als ob sie frische Luft hereinlassen wollte und dann hat sie es einfach so genommen und aus dem Fenster geworfen. Und einige weitere Pakete warf sie kurzerhand hinterher. Eigentlich krass, dass Leon nun doch eins bekommen hatte. Obwohl Mama doch immer geschimpft hatte, dass ihr sowas nicht ins Haus komme. Ist es ja dann auch nicht wirklich. Und dann war Mama plötzlich verschwunden. Doch Papa hatte so eine Ahnung, wo sie sein könnte.

Wir zogen uns an, zündeten Fackeln an  und gingen in den Wald. Und Papa hatte mit seiner Vermutung Recht. Mama saß in der Schutzhütte im Wald und weinte.

„Ich wollte es doch nur schön haben“, schluchzte sie.

„Mama, niss weinen, Chrisskind da. Un Weihnachtsmann“, sagte Luca. Und er drückte ihr einen seiner feuchten Schmatzküsse auf die Wangen.

Recht hatte er der kleine Luca. Wir steckten unsere Fackeln in den Waldboden und sangen Stille Nacht, heilige Nacht! Und so war es doch noch ein ziemlich schönes Weihnachtsfest.

 

© Julika Szabó 2016  Das Weihnachtsfest, an dem Mama die Geschenke aus dem Fenster warf 

Karl Ove

Dass Autoren Hunde brauchen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Sie fördern die Fitness, regen die Kreativität an, helfen bei Schreibblockaden, Übergewicht und Bluthochdruck.

Schreibblockaden kenne ich wie meine Westentasche und unter uns, ich war auch schon mal schlanker. Also muss ein Hund ins Haus. Aber nicht irgendeiner. Was ich brauche, ist ein ausgebildeter Bürohund mit abgeschlossener Weiterbildung zum Autorenhund. Und fotogen muss er sein. Ich will eine süße knuffige Fellnase, am besten schwarz-weiß, das macht sich auch gut auf Facebook und bei Instagram.

Ein Autorenhund kann natürlich nicht einfach Bello oder Bolle heißen, nein, ein echter Autorenhund braucht ein Pseudonym. Und wenn man einen Bestseller schreiben will, sollte man seinem Autorenhund ein Bestsellerautorenhund-Pseudonym geben. Das Pseudonym meines Hundes lautet übrigens Karl Ove.

Leider muss der Autor seinen Hund selbst ausführen, sonst funktioniert die Sache mit der Kreativität und der Fitness nicht.
Und da ich schon seit Wochen auf Seite 99 meines Romans feststecke und heute ein schöner, sonniger Herbsttag ist, nutze ich die Gunst der Stunde und führe meinen Autorenhund Gassi. Nicht in der Stadt, ich schreibe ja keinen Horrorroman, sondern eine romantische Liebesgeschichte. Also gehen Karl Ove und ich in den Wald. Obwohl, die Geschichte spielt am Meer, vielleicht sollten wir besser am See spazieren gehen? Egal. Ich starte die Hunderunde, in dem ich Karl Ove von der Leine nehme und meiner Protagonistin eine entscheidende Frage stelle. In der Zeit, in der ich dann kreativ mit meinem Autorenhund durch den Wald schlendere, wird mein Unterbewusstsein weiterarbeiten und der Rest des Romanes schreibt sich quasi von selbst.
Annamaria, wirst du zu deiner Jugendliebe zurückkehren oder doch mit deinem Yogalehrer durchbrennen auf der Suche nach der ewigen Jugend?
Karl Ove verschwindet im Gebüsch, um dringende Geschäfte zu erledigen, während ich bei den Schrebergärten den ersten Krokussen beim Sprießen zusehe. Krokusse im Herbst? Da stimmt doch was nicht. Soll ich den Plot noch einmal überdenken? Ich merke schon, wie mir die Kreativität in die Adern schießt.
Einfach herrlich, dieses Autorenleben. Mitten am Tag spazieren gehen, während alle anderen in muffigen Büros oder Behörden hocken. Und mit einem Autorenhund noch viel besser.
Doch halt, dieser Mann da vorne kommt mir komisch vor. Ein Anzugträger im Schrebergarten? Um diese Uhrzeit? Da stimmt doch was nicht. Habe ich den Typen nicht heute Morgen schon beim Bäcker gesehen? Verfolgt der mich etwa? Was wäre, wenn der plötzlich… Karl Ove! Bei Fuss!
Und schon habe ich den Titel. Stalking im Schrebergarten. Oder doch besser Tod in der Laube?

Ich gehe in den Wald hinein. Herbstbunte Blätter wirbeln durch die Lüfte, ein Gratis-Farbenspiel der Natur. Die ersten Zeilen eines Herbstgedichtes verdrängen die mörderischen Gedanken, während Karl Ove übermütig an meiner Seite den Hang rauf und runter tänzelt. Ja, tanzen, das könnte eine Leidenschaft von Annamaria sein, und an der nächsten Biegung sehe ich den neuen Plot förmlich an den Himmel geschrieben: Annamaria entdeckt im Nachlass ihrer argentinischen Urgroßmutter ein Programmheft aus alten Zeiten, lässt Mann und Kinder sitzen (woher kommen die jetzt auf einmal?) und reist nach Buenos Aires, um dort die Liebe ihres Lebens zu finden.
Aber wo ist eigentlich Karl Ove? Ich rufe und pfeife meine Bestsellerautorenhundepfeife und da kommt er auch schon angetrottet, meine langhaarige Inspiration, der Schlüssel zu einer goldenen Zukunft.
Bis Karl Ove und ich zu Hause sind, habe ich drei Krimis geplottet, eine Familiensaga über drei Generationen hinweg entwickelt, beschwingt durch den Klang eines neuen Gedichtes im Ohr. Und eine neue Idee für ein Sachbuch über tiergestützte Kreativitätsförderung. Doch als Erstes schreibe ich jetzt ein Kinderbuch über eine Schriftstellerin, der keine Geschichten mehr einfallen, bis eines schönen Tages ein kleines Körbchen mit einem schwarz-weißen Fellbündel vor ihrer Tür steht.
Danke Karl Ove.

 

100 % Trevira oder wie alles begann

„Die Beweisaufnahme wird hiermit geschlossen. Und wenn ich nun um das Plädoyer der Staatsanwaltschaft bitten dürfte?“ Die barsche Stimme des griesgrämigen Amtsrichters reißt mich aus meinen süßen Träumen. Verwirrt blicke ich mich in dem kleinen, düsteren Gerichtssaal um. Der Zuschauerraum ist bis auf den letzten Platz mit einer grölenden Schulklasse besetzt. Mir gegenüber sitzt ein dickbauchiger Anwalt, dessen Robe beinahe zu platzen scheint und schneidet unverschämte Grimassen. Neben ihm befindet sich ein nicht minder schlanker Zeitgenosse, dem die Schweißperlen die Stirn hinunterlaufen. Was hat er wohl verbrochen, der arme Kerl?

Ich habe jedenfalls nicht die geringste Ahnung. Und erst recht habe ich nicht den kleinsten Schimmer, warum mich plötzlich alle anstarren. Schließlich bin ich nicht schwarzfahrenderweise in einer U-Bahn von einem Mann mit beiger Nappalederjacke und Herrenhandtäschchen angesprochen worden.

Unauffällig schaue ich an mir herunter. Vielleicht trage ich ja die Überreste meines Frühstücks in Form eines Marmeladenquarkbrötchens auf meiner Oberbekleidung zur Schau.

Trevira, durchzuckt es mich.

100 % Trevira.

Eine Staatsanwaltsrobe, der allein dieses edle Material vorbehalten ist, umspielt meinen Körper schmeichelhaft. Nicht banaler Samt, wie der Amtsrichter zu meiner Rechten oder gar obszöne Seide, wie der dicke Anwalt von gegenüber. Nein, Trevira ist der Stoff, aus dem die Staatsanwälte, besser gesagt, ihre Roben gemacht sind.

Und da fällt mir ein, warum ich hier bin.

Heute ist meine erste Sitzungsvertretung bei der Staatsanwaltschaft. Eine unerfreuliche Tätigkeit, die die arbeitsbeflissenen Staatsanwälte mit Vorliebe den strebsamen Referendaren und Referendeusen auferlegen. So eben auch mein Ausbilder, Staatsanwalt Dr. Gockel.

Das Schicksal dieses armen Straftäters, der mir gegenüber sitzt, liegt demnach allein in meinen Händen.

Und alle warten nur darauf, dass ich endlich mein Plädoyer halte. Also gut.

„Herr Vorsitzender, Herr Rechtsanwalt, sehr verehrte Damen und Herren.“ Mit letzterer Anrede sind die pickligen, pubertierenden Jungs und Mädels aus dem Zuschauerraum gemeint, ein Angeklagter verdient in unserem Rechtsstaat keine persönliche Anrede. So jedenfalls hat es uns der Herr Oberstaatsanwalt Elch während unserer ersten Rechtsreferendarsitzung eingebläut.

„Nach dem Ergebnis der heutigen Beweisaufnahme steht fest, dass der Angeklagte schuldig ist. Schuldig im Sinne der Anklage.“

Fieberhaft blättere ich in dem mir gegenüber liegenden Aktenstapel, um dann auch die entsprechende Anklageschrift zu finden. Und da ist sie auch schon.

„Am 24. August 2016, ein feuchter, schwülwarmer Tag übrigens, wenn ich mich so recht erinnere, also an ebendiesem 24. August verließ der Angeklagte die Gaststätte Zum röhrenden Hirsch in Bochum, um dann in seinem metallicgrünen Opel Ascona, amtl. Kennzeichen BO-HA 782, die Heimfahrt anzutreten. Zuvor hatte er in der Gaststätte nachfolgende Getränke zu sich genommen:

8 Gläser Pils (0,3 l)

2 Whiskey-Cola (0,2 l)

7 Pinnchen Doppelkorn ( 2 cl)

Kurzum, der gute Mann war sturzbesoffen, als…“

Ein warnender Blick des Amtsrichters knapp über den Rand seiner Lesebrille hinweg bringt mich zurück auf den nüchternen und unmusikalischen Wortlaut der Anklageschrift.

Merke § 1: Bei der Justiz ist Kreativität fehl am Platz.

„…Der Angeklagte versuchte also, sein Fahrzeug in Gang zu setzen, obwohl ihm zu diesem Zeitpunkt bewusst war, dass er außerstande war, ein Fahrzeug, geschweige denn einen Opel Ascona, zu führen. Der Angeklagte beabsichtigte, mit seinem Fahrzeug die sagenhafte Strecke von 500 m zurück zu seiner Wohnung zurückzulegen, doch nein, halt, verehrte Geschworene, Herr Vorsitzender, liebe 9 a des Wanne-Eickeler-Heinrich-Buckenberger-Gymnasiums, es kam, wie es kommen musste, jedoch nicht dazu…“

Langsam werde ich warm in meiner neuen Rolle.

„Frau Sitzungsvertreterin, wenn Sie nun endlich zu Potte kommen würden, sonst muss ich ein ernstes Wort mit Ihrem Dienstherrn sprechen.“

Der Vorsitzende Richter scheint einer von der ganz harten Sorte zu sein, da wird es mein armer Angeklagter nicht leicht haben.

„Also, es kam, wie es kommen musste, jedoch nicht dazu, denn der Angeklagte hatte seinen Fahrzeugschlüssel wohlweislich zu Hause in der Küchenschublade liegen lassen, so dass er die alte Schrottkarre überhaupt nicht in Betrieb nehmen konnte. Abgesehen davon, befand sich kein Tropfen Benzin mehr im Tank, geschweige denn Diesel.“

Allein aus dramaturgischen Gründen lege ich eine kleine Verschnaufpause ein, um dem verehrten Publikum und insbesondere den zwölf Geschworenen Gelegenheit zu geben, das soeben Gehörte zu verdauen.

Sodann fahre ich fort:

„Nun stellt sich die große Frage, wie dieses Verhalten des Angeklagten strafrechtlich zu werten ist. Fest steht, er handelte vorsätzlich, böswillig und vor allen Dingen betrunken. Seine Einlassung, seine Schwiegermutter habe ihn verlassen und seine Freundin sei ein Drachen, können wir dem Angeklagten hier nicht abnehmen.

Dass das Fahrzeug nicht fahrtauglich war, ist hier ohne jede Bedeutung – denn wer, verehrtes Gericht, hat schon einmal einen fahrtauglichen Ascona gesehen? Darüber hinaus hat der Angeklagte nicht nur nicht die geringste Reue gezeigt, sondern auch noch dummdreist behauptet, dass er sich an nichts erinnern könne. Kurzum, der böse Wille, halt nein, der Vorsatz des Angeklagten war da.“

Langsam gehen mir die Ideen aus. Auch habe ich nicht die geringste Ahnung, ob und wenn ja, nach welchem Paragraphen sich der arme Mann tatsächlich schuldig gemacht hatte.

Ich hoffe auf § 2: Der Richter wird`s schon richten und töne lautstark weiter.

„Zu der Einlassung des Angeklagten, er habe nur in seinem Auto gesessen, um dem Mond von Wanne-Eickel bei der Arbeit zuzusehen, werde ich mir hier ausnahmsweise und überhaupt und vor allen Dingen in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit weitere Ausführungen ersparen.“

Im Vorbeigehen und auch en passant spüre ich einen dankbaren Blick des Vorsitzenden Richters in meinem Nacken.

Das Knurren seines Magens, der an regelmäßige Mahlzeiten gewöhnt war, ist selbst mir nicht entgangen. Schließlich ist es schon weit über der Zeit, exakt 12.45 Uhr. Der ordentliche Richter am Amtsgericht pflegt seinen Mittagsimbiss gewöhnlich um 12.00 Uhr in der Gerichtskantine zu sich zu nehmen. Nur geringfügige Überschreitungen dieser zulässigen Höchstzeit können zu gefährlichen Risiken und krassen Fehlurteilen führen.

Diese Grundregel Nr. 1 für die Erlernung des Anwaltsberufs hat mir mein derzeitiger Chef unmittelbar bei Aufnahme meiner Nebentätigkeit in seiner Anwaltskanzlei ans Herz gelegt.

„Sind Sie nun endlich fertig?“

„Einen Moment brauche ich noch.“

„Fassen Sie sich kurz.“

„Nun gut, nach alledem steht somit fest, dass der Angeklagte die ihm zur Last gelegte Tat nicht nur begangen hat, er war darüber hinaus auch noch vollkommen alkoholisiert. Und dass obwohl nun wirklich jeder Depp weiß, dass an der Ecke Herner Straße/Bottropper Hellweg jeden Abend die Bullen im Auto sitzen und ihre Buletten von Toms Wurst-Express vernaschen. Ich beantrage daher, den Angeklagten wegen der von ihm begangenen Tat der Höchststrafe zu verurteilen.“

„Die da wäre?“ Dieser verfluchte Richter ist einfach unersättlich.

„Die Todesstrafe.“

Doch halt, ein Blick in die Runde bringt mich wieder zur Besinnung. „Stopp nein, nur ein kleiner Scherz. Selbstverständlich beantrage ich, gegen den Angeklagten nur eine Freiheitsstrafe zu verhängen. 6 Monate. Die Aussetzung zur Freiheitsstrafe zur Bewährung kommt nicht in Betracht, da der Angeklagte hier und heute keine Reue und Achtung vor dem ehrwürdigen Gericht gezeigt hat.“

Stehende Ovationen begleiteten mich, als ich mich wieder setzen darf.

Nur aus der Ferne höre ich das kurze Plädoyer des gegnerischen Anwalts verhallen. „…Großer Unsinn…kein hinreichender Tatverdacht… Freispruch.“

Wart`s nur ab, dicker Anwalt, wart`s nur ab. Bald wirst du wieder schwitzen, nicht zu knapp.

Während das Gericht sich mit sich selbst zur Beratung zurückzieht,  lächele ich meinen zukünftigen Kollegen siegesgewiss und gönnerhaft an.

Auch wenn ich als Lichtgestalt des Rechts heute in meiner Rolle als Staatsanwältin brilliert habe, so ist doch eines gewiss:

Meine Berufung ist der Anwaltsberuf.

Kämpferin für die Gerechten und Entrechteten. Witwen und Waisen.

Verprügelten und Geächteten. Und vor allen Dingen Kämpferin für die Armen, Versehrten und Miethaie, die Verlassenen und die betrogenen Millionäre. Unabhängig will ich sein, nicht kriechend, wie die Staatsanwälte, nein, für Wahrheit und Gerechtigkeit will ich kämpfen, mein Leben lang.

Und natürlich für Geld. Aber das nicht nur am Rande.

Ein Raunen und Rauschen geht durch die Menge. Das Gericht kehrt zurück.

So ist der Amtsrichter offenbar mit sich und der Welt im Reinen und binnen fünf Minuten zu einem einstimmigen Ergebnis gekommen.

„Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:

Der Angeklagte wird freigesprochen.

Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.

Bevor ich zur Begründung meiner Entscheidung komme, möchte ich zunächst mein tiefstes Bedauern aussprechen, dass ich Ihnen, werte Frau Sitzungsvertreterin, nicht persönlich die gesamten Kosten des Verfahrens auferlegen darf. Sie haben uns hier und heute, ohne auch nur ansatzweise die Akten vorbereitet zu haben, geschweige denn über rudimentäre Kenntnisse des Straf- bzw. Strafverfahrensrechts zu verfügen, Zeit und Nerven geraubt. Aber das nur am Rande.

Auch bei näherem Hinsehen hat der Angeklagte mit dem, was er tat oder nicht tat, keinen Straftatbestand erfüllt. Gut, er war betrunken und hat in seinem Auto gepennt, weil er zu besoffen war, nach Hause zu laufen. Aber das allein ist nicht strafbar. Die Einzelheiten entnehmen Sie bitte dem Ihnen in Kürze zugehenden Urteil nebst ausführlicher Urteilsbegründung.

Danach war der Angeklagte freizusprechen.

Mahlzeit!“